THIS COULD BE US BUT WE'RE PLAYING



BLONDE Magazine
Ausgabe 03/15

Britta Thie

Model, Medienkünstlerin, Mode-Avantgardistin. Britta Thie kann sich nicht für eine Rolle entscheiden und überzeugt deshalb einfach in allen. Mit ihrer Kunst fängt sie den Zeitgeist ein, gibt Einblicke in die Welt der Twentysomethings und lässt uns oft mehr mit verwirrenden Gefühlen als mit klaren Gedanken zurück.

Studiert hat die 27-Jährige Psychologie, Philosophie und Kommunikationswissenschaften in Münster, Berlin und New York. Der Durchbruch kam 2009 mit ihrem Video „Shooting“. Auf einem Splitscreen ist sie selbst zweimal zu sehen; wie bei einem Fotoshooting ruft sie immer schneller Anweisungen ihrem anderen Ich entgegen, das versucht, diesen zu folgen: Neuer Fixpunkt. Hier. Knochiger. Mehr Energie ins Kinn. Arroganter. Mehr Leiden. Arroganter Leiden.

Britta Thie ist immer Künstler und Objekt zugleich. Ist Hauptdarstellerin in ihren eigenen Fotografien und Filmen. Bis sie von der Kunst leben kann, verdient sie ihr Geld weiter mit Modeljobs: Mal spielt sie die Leiche in „Der Kriminalist“ im ZDF, dann modelt sie für das Lookbook von COS. Dabei sieht sie immer aus wie ein Mix aus einem Wesen aus der Zukunft und einer Porzellanschönheit aus einer anderen Zeit, die rotblonden Haare zu einem kleinen Kunstwerk auf dem Kopf geformt.

Körperthemen findet man in ihren Werken genauso wie die Auseinandersetzung mit Sprache. In ihrem Video „Emotional Mobility“ erzählt sie mit ruhiger Stimme davon, mit jemandem Cola trinken zu gehen, redet von Metropolen, von orangen Tulpen – der Zuschauer nimmt allerdings mehr den Klang der Wörter als den Sinn ihrer Aussagen wahr.

Das Internet ist Thema, Medium und Requisit in ihren Videos. So auch in ihrem neuesten Projekt, der Webserie „Translantics“, die sie im Auftrag der Frankfurter Kunsthalle Schirn produziert hat. Ein halbes Jahr lang gibt es jeden Monat eine neue Folge zu sehen, in der Britta entweder sich selbst persifliert, die Kunstwelt auf die Schippe nimmt oder die generelle Rastlosigkeit der Generation Inbetween fragmentarisch darstellt. Neben der Künstlerin selbst sieht man ihre beiden besten Freundinnen in den Hauptrollen. Zu dritt sind sie auf der Suche nach Halt und etwas Echtem, in einer Welt, die so wahnsinnig unsicher geworden ist. Selbstnostalgie kommt auf bei dem Gedanken an die Kindheit, in der noch nicht alles so digital, so durchtechnologisiert war. Weniger eine Geschichte als viel mehr ein abstraktes Lebensgefühl transportiert die Serie, die alle Regeln des Fernsehens abgelegt hat und die Nähe zur echten Lebenswelt von Britta Thie schon im Trailer durch ein Gedicht ankündigt. Sie nennt Translantics eine Truman Show, natürlich alles nur gespielt, aber irgendwie doch sehr nah an dem Leben dran, das die Kunst- und Modewelt in Metropolen wie Berlin führt.

Dabei hinterfragt sie den heutigen Lifestyle vor allem deshalb, weil sie kein Digital Native ist, weil sie nicht in eine digitale Welt hineingeboren wurde. Britta selbst spricht davon, gleichzeitig mit dem Internet in der Pubertät gesteckt zu haben. Sich als Jugendliche selbst zu entdecken und auszuprobieren, und das als erste Generation auch im Digitalen. Sie beschäftigt sich mit der emotionalen Verbindung, die jemand zu seinem Interface hat. Mit den Berührungen, mit der physischen Beziehung zu unseren Geräten. Für „Sweat on Retina“ hat sie Smartphones gescannt, wodurch die Spuren sichtbar wurden, die die Finger auf dem Bildschirm hinterlassen hatten. Kleine Kunstwerke, die auf unserem wichtigsten Gebrauchsgegenstand zu finden sind.

Ihre Kunst ist mobil, nicht an ein Atelier oder eine Galerie gebunden. Britta gehört zu einer neuen Generation von Medienkünstlern, die Facebook nutzen, um unsere Beziehung zu sozialen Medien zu hinterfragen, die auch mit anderen Kreativen zusammenarbeiten, um ihre Werke zu schaffen und viel näher am realen Leben dran sind, als man sich bei den englischen Floskeln und der künstlerischen Affektiertheit in „Translantics“ manchmal eingestehen möchte. So wie die Modewelt, sagt sie, sei auch das echte Leben geworden. Jeder inszeniert sich selbst, kreiert Kampagnen, um sich selbst zu promoten und darzustellen. Niemand will sich festlegen, und so leben alle lieber in ihren Zwischenzuständen, bis doch noch etwas Besseres kommt.

Britta kreiert Selfies, die sie in die Kulisse des Games GTA reinschneidet, alte Kinderfilme, die von einem Audio-Essay über die stetige Verbesserung der Filmauflösung begleitet werden, oder einen Modefilm im Startrek-Universum. Subtil schleichen sich Kritik, aber auch Bewunderung für die fortgeschrittene Technik ein, während uns als Zuschauer immer wieder die Sätze des Translantics-Trailer durch's Hirn wandern: This could be us, but we're playing. Shying away from punctuation, punctuality or both.

Der digitale Wandel hat nicht nur sie, sondern eine ganze Generation beeinflusst, die ihr Leben zwischen Freelance Jobs, dem Blick auf's Smartphone und den Erinnerungen an eine weniger hochauflösende Kindheit verbringt. Britta Thie zeigt den Alltag zwischen analog und digital, zwischen Selbstinszenierung und Unverbindlichkeiten, zwischen dem Verlangen nach immer mehr und dem Wunsch, vielleicht doch endlich einmal ankommen zu können.