GIRLS WHO ARE BOYS WHO LIKE BOYS TO BE GIRLS



BLONDE Magazine
Ausgabe 02/2016

Foto: Laura Kaczmarek

Die Rollen werden neu verteilt. Wir definieren gerade, was Geschlecht überhaupt für uns bedeutet. Im letzten Jahr hat Facebook 70 verschiedene Optionen eingeführt, sein Geschlecht anzugeben, um sicherzustellen, dass jede persönliche Definition erfüllt ist. Und für Milennials ist es so normal, sich zwischen Geschlechtern und Sexualitäten hin und her zu bewegen, dass sie Schubladen für völlig überflüssig halten. Könnte also geschlechtslose Mode das nächste große Ding sein?

Bevor Unisex-Mode überhaupt möglich wurde, mussten Frauen zuerst die Männermode erobern. Mittlerweile ist es ganz selbstverständlich, als Frau im Anzug, Hemd oder in Budapestern auf die Straße zu gehen. Andersherum wird oft noch komisch angeguckt, wer als Mann mit Rock oder Spitzenbluse das Haus verlässt. Doch auf den Laufstegen finden sich immer mehr Kleider oder Tuniken für das männliche Geschlecht. Rick Owens, J.W. Anderson oder Damir Doma stecken ihre Malemodels regelmäßig in Röcke, Jared Leto kam in die Damenkollektion gehüllt zur Chanel-Show. Doch was kommt nach dem Crossdressing, dem Kombinieren der Mode beider Geschlechter? Die Unisex-Mode, laut Duden die optische Annäherung der Geschlechter durch Auflösung typischer weiblicher oder männlicher Attribute, wortwörtlich: ein Geschlecht.

Der wohl wichtigste Designer in Sachen Unisex ist der jordanisch-kanadische Designer Rad Hourani. Mit seiner Geschlechter-auflösenden Kleidung gehört er sogar zur Riege der Haute Couture. Ein Jahr lang hat er Frauen und Männer vermessen, bis er ein einziges universelles Schnittmuster hatte, das seitdem die Vorlage für alle seine Designs ist. „Ich habe nie verstanden, wer entscheidet, dass ein Mann sich auf eine bestimmte Weise anziehen muss und eine Frau auf eine andere Weise“, sagt Hourani. Seine reduzierte, geometrisch geschnittene Kleidung negiert Geschlecht, Nation, Alter, Saison und sogar Trends. Dabei vereint er aber nicht einfach männliche und weibliche Kleidung. Er erfindet Unisex völlig neu, indem er alle Geschlechtercodes vergisst und etwas vollständig Neues entwirft.

Bislang ist solche geschlechtslose Mode eher selten auf der Straße zu finden. Und doch sieht man tagtäglich, dass sich Frauen- und Männermode im Alltag einander annähern. Jeans, T-Shirts und Sneaker sind zu den meist getragenen Kleidungsstücken geworden und unterscheiden nur in geringen Schnittänderungen, wer gerade drinsteckt.

Bereits 1985 designte Jean Paul Gaultier eine Kollektion namens „A Wardrobe for Two“, für die er Männer und Frauen in Korsetts und Röcken auf den Laufsteg schickte. Und auch heute noch setzt er ein Zeichen, wenn Conchita Wurst, die Sängerin, die zwischen den Geschlechtern steht, in seiner Haute Couture Schau mitlaufen lässt oder das Model Andreja Pejic, damals noch Andrej Pejic, im Brautkleid eine Show beenden lässt.

Was überhaupt männlich ist, und was weiblich, diese Fragen werden immer wieder neu gestellt und neu beantwortet. Heute ist die Erscheinung als Mann oder Frau nicht unbedingt an das biologische Geschlecht gebunden. Es wird immer mehr über die Gleichstellung von Mann und Frau diskutiert, über das Recht, sich sein Geschlecht selbst auszusuchen und neue, junge Vorbilder wie das Model Lily-Rose Depp wollen sich gar nicht erst festlegen, ob sie jetzt homo, hetero oder bi sind.

Für Aufsehen sorgte Jaden Smith, Sprössling der Schauspieler Will und Jada Pinkett-Smith, als er für die Spring/Summer 2016 Kampagne des Modehauses Louis Vuitton im Rock posierte. Auch zum Prom seiner guten Freundin und Hunger Games-Star Amandla Stenberg tauchte er nicht in Hosen auf. Damit steht er als Sinnbild für diese junge Generation, die außerhalb von Kategorien denkt.

Nur bislang gewöhnt man sich an einen Mann im Kleid schlechter als an eine Frau im Anzug. Weil das männliche leider noch immer als das starke Geschlecht gilt und somit klar scheint, dass Frauen sich mit einer Boyfriend-Hose auf-, sich Männer aber in einem Kleid abwerten würden. Doch die neue Unisex-Mode schafft eine neue, androgyne Identität – jenseits der Dresscodes, die wir als männlich oder weiblich erkennen. Körperformen verschwinden und der kleine Unterschied zwischen Männlein und Weiblein wird in der Mode Stück für Stück aufgehoben.

Im letzten Jahr eröffnete das Londoner Kaufhaus Selfridges den Pop-Up-Shop Agender, der sich über mehrere Etagen streckte und mit Labels wie Rad Hourani, Ann Demeulemeester oder Gareth Pugh zum non-binären Shopping einlud. Und auch der US-amerikanische Onlineshop thecorner beschloss im Juni letzten Jahres, dass es Zeit wäre für einen genderneutralen Verkaufsweg als „Alternative zur klassischen Zweiteilung in Mann und Frau“. Selbst in den High-Street-Läden finden sich nun immer öfter Unisex-Kollektionen. Weekday brachte vor einiger Zeit die Linie S/HE heraus, Zara hat erst kürzlich Mode präsentiert, die für beide Geschlechter funktionieren soll.

Laut der Modetheoretikerin Barbara Vinken ist es eigentlich der Zweck der Mode, die Geschlechter zu unterscheiden und voneinander abzugrenzen. Doch was, wenn es keine Unterscheidung mehr gibt? Wenn plötzlich nicht nur Männer funktionale Kleidung brauchen und nicht allein Frauen ein Interesse daran haben, schön auszusehen?

Schon in den 70ern konnte man in der Hippie-Bewegung Jungs und Mädchen kaum auseinanderhalten. Bunte Blusen, Schlaghosen und lange Haare waren wie eine Uniform, die aber auch zeigte: wir sind alle gleich. Und gleich viel wert.

Die Gleichstellung von Mann und Frau zeige sich darin, dass sich die Mode beider Geschlechter immer weiter annähert, stellt Barbara Vinken in ihrem Buch „Angezogen“ fest, in dem sie aufzeigt, wie die Mode die kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen der Gesellschaft widerspiegelt.

Die Berliner Designerin Esther Perbandt spielt auch mit den Geschlechterrollen. Ihre schwarze Mode wirkt streng, fast uniformierend. Sie selbst wechselt auch immer wieder zwischen männlichen und weiblichen Codes hin und her. Auch Patrick Mohr hat sich in einer Kollektion namens „monovular“ mit dem Thema Unisex beschäftigt. Dabei adaptierte er nichts aus bestehenden Schnitten, sondern erfand ein neues Geschlecht. Der serbische Designer Sasa Kovacevic vom Berliner Label Sadak löst klassische Formen auf, bezieht sich auf verschiedene Kulturen und verschleiert Models, wenn er seine Non-Gender-Fashion auf dem Laufsteg präsentiert.

Auf dem Runway ist es aber nicht nur die Mode, die die klassische Einteilung in Mann und Frau hinterfragt. „Orange Is The New Black“-Star Ruby Rose posiert in maskulinen Outfits für eine Ralph Lauren Kampagne und bezeichnet sich selbst in Interviews als Genderfluid. Tamy Glauser läuft als Model auf Männer- und Frauenschauen und Saskia de Brauw wirbt für die Männermode von Saint Laurent mit dem Slogan „The Saint Laurent boy is a girl“, während Casey Legler als erste Frau ausschließlich in der Männerkartei ihrer Modelagentur geführt wird. Während es schon länger androgyne Typen, sowohl in der Frauenmode, als auch in der Männermode gibt, so scheinen sich heute die Geschlechter zu vermischen. Frauen mit kurz rasierten Köpfen laufen ihren langhaarigen Kolleginnen den Rang ab, viele Designer zeigen einfach nur noch eine Kollektion statt zwei nach Geschlecht getrennter.

Grace Dunham, die kleine Schwester von Girls-Producerin Lena, will sich ebenso wenig dem binären Geschlechter-System unterwerfen. In den sozialen Netzwerken nennt sie sich selbst Grace, Simon, Jimmy oder Simon-John, möchte mit dem Personalpronomen „they“ bezeichnet werden. Wenn sie nicht gerade in Independent-Filmen oder der aktuellen Girls-Staffel zu sehen ist, setzt sie sich für die Rechte Transexueller und Personen ein, die sich der Genderfluidität zuordnen. Oder läuft als geschlechtsloses Model für Schauen wie die der Spring/Summer2016-Kollektion des New Yorker Labels Eckhaus Latta.

Viele wollen sich heute nicht mehr von Vorstellungen limitieren lassen, die das Geschlecht mit sich bringt. Wollen sich jeden Tag neu erfinden, und sich eine andere Identität anziehen. Wollen nicht nur androgyn sein, sich nicht verkleiden, sondern jenseits der Geschlechter leben und sich auch dementsprechend kleiden. Und das Verschwimmen der Geschlechtergrenzen scheint weit über einen Modetrend hinauszugehen. Viel mehr ist es eine Unisex-Bewegung, die zuerst die Kleidung und dann unsere Gesellschaft komplett verändern könnte. Auch wenn die Mode uns gerade noch einen Schritt voraus ist, haben sie und die Gesellschaft sich schon immer gegenseitig beeinflusst. Uns so ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Spiel mit den Geschlechtern, das Hinterfragen von etablierten Normen und ein freier Umgang mit dem Thema Gender auch außerhalb des Laufstegs zum Tragen kommt.